Tea Talk #5 mit den Lindy Cats über Tanz, Musik und Subkulturen

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Nächsten Dienstag, am 24. Jänner, wird bei uns wieder getanzt! Die Lindy Cats und alle interessierten Katzen und Kater swingen zu den Klängen von Swingwagon.
Zu diesem Anlass haben wir uns mit Marion und Markus vom Verein „The Lindy Cats“ getroffen und über ihre Anfänge im Bereich Swingtanz, ihre Motivation und die Geschichte der Swingbewegung gesprochen. Und natürlich auch über Vintage und die Liebe zu den vergangenen Zeiten.

Wer seid ihr, was macht ihr und warum macht ihr das?

Wir sind der Verein „The Lindy Cats – Verein für Freundinnen und Freunde des Swingtanzens“.
Bei uns geht’s es ums Swingtanzen, um die Leute, die gerne tanzen und alles, was das umfasst. Also die Geschichte der Swingbewegung, ab der Zeit, wo die Swingtänze in Mode gekommen sind in den 20ern, aber auch davor schon, zur Jahrhundertwende vom 19. aufs 20. Jahrhundert. Dabei geht’s uns nicht nur um den Tanz allein, sondern auch um das Frauenbild in den 20ern, das damals viel fortschrittlicher war als später in den 50ern. Aber uns interessiert auch die Jugendkultur von damals. Was den Tanz betrifft, liegt unser Fokus auf dem Lindyhop in den 20ern und 30ern, das ist das, was wir hauptsächlich tanzen. Das ist dann ein bisschen in der Versenkung verschwunden und in den 80ern wieder in Mode gekommen.

Wir wollen regionale Bands fördern und mit denen zusammenarbeiten. Wir tanzen gerne zu Live-Musik und auch Leute, die nicht tanzen, freuen sich über die Musik. Und die MusikerInnen freuen sich über die TänzerInnen und auch über die ZuhörerInnen. Wir tauschen uns mit den Musikern auch aus. Sowohl auf der organisatorischen Ebene, aber auch auf der Tanzfläche.

Im Verein geht’s uns darum, Tanzabende, sogenannte Socials, zu veranstalten. Mit oder ohne Live-Musik, aber natürlich immer mit Musik. Wir sind immer dabei, wenn es etwas mit Vintage gibt, z. B. beim Tweed Run. Und um das Tanzen zu fördern, organisieren wir Workshops zu verschiedenen Tanzstilen (Charleston, Lindyhop, Balboa, usw…) und zur passenden Musik. Wobei es nicht unbedingt die 20er-Jahre Musik sein muss. Man kann einen Lindyhop z.B. auch zu einem Indie-Lied tanzen. Es ist alles erlaubt, was Spaß macht.

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Wie ist eure Liebe zu Swing entstanden?

Es gibt zwei Geschichten. Einerseits: je älter wir geworden sind, desto älter ist auch unsere Musik geworden. Wir haben Swing z.B. durch Woody Allen Filme kennengelernt. Und wir haben uns im Studium beide mit Subkulturen beschäftigt und sind dabei auf eine vergessene Subkultur gestoßen, die Schlurfs. Das waren die Wiener Swingkids der späten 30er und 40er Jahre, also genau in der Kriegszeit. Sie haben amerikanische Musik gehört und englische Tweedjacken getragen und sich dadurch gegen die totalitäre Herrschaft gestellt.

Die andere Geschichte ist die Beschäftigung mit der Musik, die uns schon immer interessiert hat.
Früher haben wir Freestyle getanzt, Paartanz war für uns unvorstellbar. Bis wir Leute gesehen haben, die Lindyhop getanzt haben und wir gemerkt haben, dass es auch möglich ist, beim Paartanz individuell zu tanzen. Man hat Freiheiten, aber man braucht den anderen, um sich auf der Tanzfläche auszuleben. Egal ob man die Lead- oder die Followrolle einnimmt, man ist immer autonom und autark und individuell. Was uns auch gefällt, ist die Tatsache, dass man als Mann nicht automatisch der Lead und als Frau automatisch der Follow ist. Es machen viele so, aber es gibt nicht die Rolle „Dame“ und „Herr“. Unabhängig vom Geschlecht kann man sich aussuchen, ob man lieber eher führt oder lieber eher folgt. Man kann natürlich auch beides lernen.

Diese Freiheit hat uns extrem angesprochen.
Es ist aber kein modernes Gender-Ding, das war auch bei den frühen Tänzerinnen und Tänzern schon selbstverständlich. Das hat nicht unbedingt mit gleichgeschlechtlich liebenden Menschen zu tun, sondern dass viele Leute gleiche Rollen für Performances gelernt haben.

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Ihr macht auch manchmal Filmabende, oder?

Ja, das ist auch ein großes Anliegen von uns. Dass wir auch historische und/oder politische Inhalte transportieren mit Dokumentationen, die von klassischen Dokus abweichen. Wir haben z.B. einmal „Teenage – revolution never gets old“ gezeigt. Das ist eine Dokumentation über Jugendsubkulturen ab Ende des 19. Jhdts. Auch eine Dokumentation über die Schlurfs haben wir im Rahmen des Lendwirbels gezeigt. Und einen Film über die Flapper-Girls, die Frauen in den 1920ern.

Dafür haben wir sehr kulante ProduzentInnen angeschrieben, die uns die Filme zur Verfügung gestellt haben. Auch mit diesen Filmen wollen wir den Spirit des Swing unter die Leute bringen. Deshalb sind unsere Veranstaltungen auch immer ohne Eintritt. Unsere Workshops kosten schon etwas, aber alle Veranstaltungen wie Socials oder Filmvorführungen sind kostenlos. Auch eine Diskussion würden wir gerne einmal machen.

Sind die Events nur für Mitglieder oder können alle kommen?

Alle können zu uns kommen. Wir sind ein Verein und keine Tanzschule und dürfen nur für Mitglieder Workshops anbieten. Deshalb gibt’s einen einmaligen Mitgliedsbeitrag von € 10. Wenn man den einmal bezahlt hat, kann man alle unsere Workshops zu den Workshopkosten (Unkostenbeitrag) besuchen. Aber zu den Events kann jeder kommen, egal ob man tanzen möchte oder nicht.
Zu unseren Workshops kann man sich alleine anmelden, man braucht keinen fixen Tanzpartner. Wir wechseln immer durch, es ist kein klassischer Tanzkurs.

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Was suchen die Leute und was finden sie bei euch? Wer kommt zu euch?

Da kann man unterscheiden zwischen denen, die zu den Workshops kommen und denen, die zu den Veranstaltungen und den Socials kommen. Da gibt’s eine überschneidende Menge, aber es gibt auch Leute, die nur zu Workshops kommen. Ich glaube, die suchen ein Hobby und wollen das Tanzen lernen.

Dann gibt’s die Personen, die zu den Socials gehen und Workshops besuchen. Denen gefällt die Musik, die wollen das Gelernte umsetzen und andere Leute treffen, Leute kennenlernen, die die gleiche Musik, den Tanz oder die Zeit (20er, 30er) mögen.

Und dann gibt’s die Personen, die nur zu den Socials gehen und womöglich noch nie einen Tanzkurs besucht haben und die sich unglaublich wohl fühlen in der offenen und freien Atmosphäre und die Leute wahnsinnig nett finden, die Musik hören und sich entweder dazu bewegen oder nicht.

Alle drei Zielgruppen verbindet die Liebe zur Musik und die Liebe zum Tanz oder die Liebe, beim Tanzen zuzuschauen. Und der Spaß daran, der Spaß an der Freiheit. Swing drückt eine gewisse Form an Lebensfreude aus – ein Sich-selbst-sein, aber auch ein Miteinander. Aus der Tanzatmosphäre entwickelt sich eine freudige, offene Community. Und ein bisschen verrückt sind wir auch.

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Wie groß ist die Community?

Wir haben ca. 30 ordentliche Mitglieder im Verein und etwa 300 außerordentliche Mitglieder (Kursteilnehmer). Bei Socials haben wir immer ca. 50 Leute. Etwa 70 Leute kommen regelmäßig zu unseren Veranstaltungen. Und es wird immer mehr.

Vintage und die Liebe zu vergangenen Zeiten spricht immer mehr Leute an. Habt ihr eine Antwort darauf, warum das so ist?

Wir glauben, es ist ein bisschen der Nostalgieeffekt, weil solche Sachen oft ein klareres Bild von etwas vermitteln. So klar war es damals aber auch nicht. Und man gewinnt auch viel daraus, sich diese Zeiten genau anzuschauen. Der 50´s-Vintage Stil lässt sich auch gut in den Alltag integrieren. Man kann sich selbst definieren mit etwas, das einen mit anderen verbindet. Und das in einer Welt, die extrem vielfältig ist mit einer großen Fülle an Lebensentwürfen, -chancen und sozialen Schichten.

Wir finden den Film „Midnight in Paris“ so nett. Da wir das so dargestellt, dass die Leute immer schon nostalgisch waren. Das wird im Film als „The golden age syndrom“ genannt.

Welche Wünsche und Ziele habt ihr für die Zukunft?

Wir hoffen, dass sich die Swingszene hier in Graz mit der gleichen Offenheit wie bisher weiterentwickelt. Wir möchten auch die Stadt durch das Tanzen anders erfahren, mobile Tanzflächen für Events aufbauen und so bei der Gestaltung des öffentlichen Raums mitwirken, am besten ohne diese große Erlaubniskultur. Wir beteiligen uns gerne beim Lendwirbel, weil es da schon alle Genehmigungen gibt. Es sollte aber immer möglich sein, den öffentlichen Raum für Aktivitäten zu nutzen, ohne alles zu kommerzialisieren.

Tee oder Kaffee?
Marion: „Tee.“
Markus: „Kaffee.“

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Wer jetzt, so wie wir, richtig Lust bekommen hat, das Tanzen zu lernen, oder nur dabei zuzuschauen und sich an der wundervollen Musik von Swingwagon zu erfreuen, der kommt am besten nächsten Dienstag ab 18 Uhr zu uns! Und wer gerne das Tanzen lernen möchte, der findet alle aktuellen Workshoptermine auf der Website: thelindycats.at/kalender
Wir freuen uns schon auf alle Katzen und Kater und werden wieder Tee aus dem Samowar und Filterkaffee vorbereiten.

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